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»Die reaktionärste Regierung in der Geschichte Israels«

Nach Verschwinden von drei Siedlern geht Armee brutal gegen Palästinenser vor. Tel Aviv nährt Rechtsextreme. Gespräch mit Michel Warschawski

Raoul Rigault

Michel Warschawski lebt in Jerusalem. Er ist Marxist, Antizionist und Mitbegründer des Alternative Information Center (AIC). Wegen Unterstützung der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) wurde er 1989 zu 20 Monaten Gefängnis verurteilt.

Das Verschwinden dreier junger Siedler im Westjordanland sorgt für Aufsehen in Israel. Die Armee reagiert mit Razzien und Massenverhaftungen. Wie sehen Sie die Ereignisse?

Besatzung provoziert Widerstand, und Widerstand ist nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht. Man kann mit der Methode der Entführung junger Siedler nicht einverstanden sein, doch das ist Teil des legitimen Kampfes gegen koloniale Besetzung. Die taktische Entscheidung der Kidnapper mag falsch gewesen sein. Trotzdem sind sie keine Terroristen, sondern Freiheitskämpfer, die einen berechtigten Kampf führen. Terroristen sind die israelischen Führer und ihre koloniale Politik. Die sind für das Schicksal der drei Vermißten verantwortlich.

Wegen ähnlicher Äußerungen drohen Außenminister Avigdor Lieberman und andere rechte Politiker der arabischen Knesset­abgeordneten Haneen Zoabi…

Zoabi hatte im Gespräch mit einem lokalen Radiosender gefragt: »Ist es nicht verständlich, daß es in einer Besatzungssituation, wenn Israel jeden Tag Palästinenser verschleppt, Kidnappings gibt?« Die Entführungen Hunderter angeblicher Hamas-Mitglieder inklusive ihrer Parlamentsabgeordneten in der letzten Woche ist definitiv eine Bestätigung ihrer Einschätzung.

Wie ist die Arbeit der neuen Koalitionsregierung von Benjamin Netanjahu nach einem Jahr Amtszeit zu bewerten?

Das ist die reaktionärste Regierung in der Geschichte des Staates Israel – noch reaktionärer als die vorangegangenen Kabinette von Netanjahu. Sie hat eine beeindruckende Anzahl antiarabischer, rassistischer Gesetze auf den Weg gebracht. Es handelt sich um eine Regierung der Reichen, die offen gegen die Armen und die untere Mittelschicht vorgeht. Sie hat einen Haushalt verabschiedet, der eine Kriegserklärung gegen die unteren Schichten darstellt. Außerdem wurde ein Verfassungsgesetz beschlossen, daß bedeutende Grundrechte der Bürger sowie des Parlaments zugunsten der Exekutive beschneidet.

Neuerdings fordert Tel Aviv von den Palästinensern, sie sollten den jüdischen Charakter Israels anerkennen. Welchen Sinn hat das?

Diese neue Forderung ist nichts anderes als ein Vorwand, um jede Chance auf Verhandlungen über die Entkolonisierung der West Bank bis in alle Ewigkeit zu vertagen. Man fragt sich unweigerlich, was als nächstes kommt: Sollen die Palästinenser der zionistischen Bewegung beitreten oder jedes Jahr den Geburtstag von Theodor Herzl feiern?

Hinter Netanjahus Vorstoß steckt allerdings auch ein falsches Demokratieverständnis. Die Definition des Charakters eines Staates ist das Vorrecht seiner Bevölkerung. Ein Teil der israelischen Bevölkerung, darunter fast alle arabischen Bürger, lehnt aber die Idee vom jüdischen Staat ab und kämpft im Gegenteil um eine Demokratie für alle, auch Nichtjuden.

Vor dem Kidnapping der drei Jugendlichen gab es zahlreiche Angriffe von Siedlern gegen Palästinenser und Schändungen christlicher Kirchen. Entsteht eine neue rechtsextreme Bewegung?

Die Ideologie der Regierungsparteien nährt die Aktionen dieser Gruppen. Das sind die Kinder einer rechtsextremen Regierung. Sie attackieren Autos, Häuser und religiöse Stätten. Die Ideologie der Siedler ist vom Nationalismus zum Messianismus übergegangen. Sie sehen sich als Teil eines Krieges der Kulturen. Der Krieg gegen den Islam wird mit der Gleichung »Islam ist Terrorismus« gerechtfertigt. Für die Christen gilt allgemeiner: Alles, was nicht jüdisch ist, ist übel.

Wenn die Staatsmacht nun gegen einige Siedler vergeht, will sie damit nur ihr Gewaltmonopol wahren und die Kontrolle über die Siedlermilizen behalten. Faktisch findet seit Jahrzehnten eine Aufgabenteilung bei der Terrorisierung der palästinensischen Bevölkerung statt. Amnesty International sieht das genauso und urteilt: Die als wild und unkontrollierbar bezeichneten Siedler sind die Verlängerung der israelischen Regierung.